TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 13.06.2016, Leitartikel von Hubert Winklbauer: “Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken”

Sie sind hart, zäh, extrem trainiert und organisiert wie eine Armee. Sie sind unempfindlich für Schmerz. Egal ob es der eigene oder der der anderen ist. Sie kommen von verschiedenen Klubs. Aber in erster Linie sind sie Patrioten, Nationalisten. Einen Teil des Drehbuchs, der für Marseille in den letzten Tagen kriegsähnliche Zustände vorgesehen hat, haben sie schon geschrieben, bevor sie zur EM nach Frankreich gereist sind. Sie haben in den letzten Tagen in der französischen Hafenstadt einen Guerillakrieg geführt. Einen geplanten. Sie jagen, sie prügeln wahllos auf ihre Opfer ein. Mit Taktik: 30 Sekunden lang zuschlagen. Länger nicht. Nicht weil ihnen dies ein letzter Rest von Mitgefühl diktiert. Nein, das ist Taktik. Nach 30 Sekunden ist der strategisch wichtige Zeitpunkt, sich zurückzuziehen. Wer länger prügelt, ist greifbar. Englische und russische Fußball-„Fans“ haben die dunkle Seite des Nationalistischen an das so verführerisch schöne Licht der Vielvölkermetropole gezerrt. Die russischen Gewalttäter, so Ronan Evain, ein Spezialist für Fan-Kultur in Russland, vermutet, dass aus seinem Land eine kämpferische Vorhut unterwegs ist, um für die WM 2018 in Russland jetzt schon klarzumachen, wer bei der nächsten Fußball-Großveranstaltung die da oben und die da unten sein werden. Die Russen kämpften nüchtern, kalt, strukturiert. Die Engländer zeigten sich von Fremdenhass emotionalisiert und enthemmt vom Saufen. In England macht die Presse die Russen für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Die Russen deklarieren ihre Patrioten als Opfer englischer Willkür. Durchgespielt wird dabei das Wesenhafte des übersteigerten Nationalismus. Auf dieser Seite die Gemeinschaft der Gerechten, auf der anderen auch. Typen im nationalistischen Drogenrausch. Diese Droge macht unempfindlich für alles, was anders ist. Jene, die auf diesem Flecken der Erde geboren sind, erachten sich als besser, edler, großartiger und intelligenter als die vom anderen Flecken. Das geht ganz leicht. Erst recht, wenn die anderen das Letzte überhaupt sind. Der Fußball ist denen ein Ventil, die es darauf angesehen haben, den anderen ihren Willen aufzuzwingen. Wir und die anderen. Wir, die Guten. Die anderen, die Bösen. Wir Opfer. Und sie, die Täter. Rechtspopulismus eben. Der Fußball muss aufpassen, sich von dieser Logik des Nationalistischen abzugrenzen. Denn gefährlich ist’s, den Leu zu wecken. Und der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn. Wobei wir bei der Angst wären, die jetzt nur verdrängt ist: die vor einem Terroranschlag.
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